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  • Florinda

GUNDELDINGER FELD

Aktualisiert: 13. Mai 2019

DORNACHERSTRASSE 192, 4053 BASEL





LAGE UND GESCHICHTE

Das Gundeldinger Feld, wie der Namen bereits verrät, liegt im Basler Quartier Gundeldingen. Es ist eines der 19 Quartiere Basels und ist mit seinen knapp 20‘000 Bewohner das am dichtesten besiedelte. Durch die Geleise abgetrennt und wegen der hohen Bevölkerungsdichte wird es auch als Stadt in der Stadt bezeichnet.

Ende des 19. Jahrhunderts war das Gebiet noch grüner Stadtrand und galt als Naherholungszone für die Städter. Mit dem Bau des Bahnhofes Anfang des 20. Jahrhunderts begann auch die Überbauung des Gebietes. Die Häuser im Quartier stehen in dichter Blockrandbebauung und häufig befinden sich in den Hinterhöfen Gewerbebetriebe. Grünflächen sind leider nur wenige vorhanden, nebst kleinen Plätzen, Pärken und Spielstrassen, dient einzig der Margarethenpark im Westen als grössere grüne Naherholungszone.

Mitten in diesem Quartier, zwischen Dornacher- und Gundeldingerstrasse, liegt das Gundeldinger Feld. Einst das Industrieareal der Maschinenfabrik Burckhardt AG, später der Sulzer-Burckhardt AG, umringt von hohen Mauern. In den Jahren 1890 bis 2000 wurden auf dem Gelände Kompressoren und Vakuumpumpen hergestellt. Zu dieser Zeit war die Fabrik Arbeitgeber vieler Anwohner. Die Schliessung und der Umzug nach Winterthur im Jahr 2000, kamen für viele überraschend.


Im Sommer 2018 durfte ich mit zwei Mitstudierenden einen Vortrag zum Gundeldinger Feld erarbeiten. Dazu haben wir uns an einem schönen Sommerabend mit Irene Wigger, Mitinitiantin und Architektin, vor Ort getroffen. Auf dem Rundgang hat sie uns viele interessante Aspekte gezeigt und das anschliessende Gespräch war spannend und bereichernd. Wie bereits erwähnt, hat sich von da an die Idee für meine Facharbeit entwickelt.



ENTSTEHUNG DER UMNUTZUNG


Nach der Schliessung des Standortes, dem Umzug eines Grossteils der Maschinenproduktion nach Winterthur, stand das Areal zum Verkauf. Kurz nach Bekanntgabe dieses Entscheides, beschlossen drei Architekten und Anwohner, das Areal für quartierbezogene, öffentliche und private Nutzungen zugänglich zu machen. Barbara Buser, heute die wohl bekannteste „Umnutzerin“ Basels, Irene Wigger und Eric Honegger gründeten die Initiativgruppe „Gundeldinger Feld“. Später kamen noch Pascal Biedermann und Matthias Scheurer dazu. Ihr Ziel: im Herzen des Quartieres einen Ort der Begegnung zu schaffen. Ein Ort, der sozialer und kultureller Durch-mischung Platz gibt und einen Beitrag zur Verbesserung des Wohnumfeldes und der Lebensqualität leistet.


Durch die Unterstützung der Christoph Merian Stiftung in Höhe von 30‘000 Franken, konnte die Initiativgruppe ein detailliertes Konzept für die Umnutzung des Areals entwickeln. Aufgrund dessen Investoren gefunden wurden, drei private Personen und drei institutionelle Anleger, unter ihnen die nachhaltig orientiere Pensionskasse Abendrot. Die Investorengruppe, die neu gegründete Gundeldinger Feld Immobilien AG, bekam den Zuschlag und wurde somit zur Grundeigentümerin. Zeitgleich ging die Kantensprung AG aus der Initiativgruppe hervor, an welche die Gebäude, für einen symbolischen Wert von einem Franken, im Baurecht übergeben wurden. Wie im Umnutzungskonzept vorgesehen, konnte so eine Trennung von Grundeigentum und Gebäudeeigentum und -nutzung erreicht werden. Wieso ist das wichtig? Durch die Vergabe im Baurecht wurde der Boden der Spekulation entzogen. Die Umsetzung und Verwaltung wurde von der Kantensprung AG übernommen und diese machte sich sogleich an die Arbeit.

Mit dem Entscheid einer Umnutzung der bestehenden Gebäude statt eines Neubaus konnten circa 30%, der ansonsten anfallenden Kosten bei einem Neubau, eingespart werden. Durch den Erhalt der Gebäude blieben zwei Abteilungen der ehemaligen Eigentümerin noch zwei Jahre als Mieter vor Ort. Somit hatten sie länger Zeit für die Auflösung des Standortes und den Umzug. Und für die neuen Bauherren war eine wichtige Finanzierungshilfe in der Startphase gesichert.

Das Projekt fand von Anfang an grossen Anklang im Quartier. Auf die ausgeschriebenen Büro-, Arbeits- und Gewerbefläche haben sich um die 700 Bewerber gemeldet. 70 unterschiedliche und vielfältige Mieter bekamen letztlich einen Zuschlag. Diese mussten Kriterien wie Quartierbezogenheit, Umweltverträglichkeit und Integration erfüllen und sorgsam mit den vorhandenen Ressourcen umgehen. Da der Austausch mit den Mietern frühzeitig stattfand, konnten diese die Raumaufteilung und -gestaltung mitbestimmen und ihre Bedürfnisse einbringen. In vielen Fällen bauten gar die Mieter ihre Räume in Eigenleistung aus.



UMNUTZEN, WIEDERVERWENDEN UND REZYKLIEREN


Lediglich drei Werkhallen wurden rückgebaut, um mehr Licht in den Bestand zu bringen und um mehr Aussenraum zum Spielen und Flanieren zu schaffen. Die restlichen Gebäude blieben nach dem Prinzip "stehen lassen, was noch brauchbar ist" erhalten.

Materialien und Bauteile, die beim Rückbau der Hallen anfielen, wurden wenn möglich wieder- und weiterverwendet. Sanitärapparate und Küchenelemente von der Bauteilbörse, Leuchten und Welleternitplatten aus den ehemaligen Maschinenhallen oder Fenster der rückgebauten Fassaden und Dächern, fanden neue Verwendungen auf dem Areal. Nicht nur die Gebäude sollen umgenutzt und rezykliert werden, sondern, wo immer möglich, auch einzelne Bauteile.

So stehen heute die Garderobenschränke von damals den Besuchern der Kletterhalle (H7) zur Verfügung und wo früher die Arbeiter duschten und sich umzogen, ist heute das Hostel Basel Backpack (B7+8).

Alte Fenster, die bei einem Fensterersatz einer benachbarten Wohnsiedlung anfielen, wurden mit Handwagen auf das Areal transportiert, dort auf eine Holz und Stahlunterkonstruktion geschraubt und dienen fortan als neue Nordfassade der Halle 2.

So konnte die 60 mal 9-12 Meter grosse Fassade zu einem sehr günstigen Preis mit Isolierglas-Fenster verkleidet werden.

Das Silo wurde 2003 für die Zirkusschule Basel umgenutzt und umgebaut. Erst wurden Dach und Südfassade mit Steinwolle gedämmt, letztere dann mit den asbestfreien Welleternitplatten der ehemaligen Halle 9 noch verkleidet. Auch die Verkleidung des Lifts ist teilweise aus zweiter Hand. Die Zeit zeigte jedoch, dass das ehemalige Kohlensilo, mit seinen lediglich 40 cm dicken Betonaussenwänden, im Winter zu stark auskühlte. Auch wenn die Mieterschaft sich lange nicht beklagt hat, war eine intensivere Sanierung nötig. Innerhalb des Budgets für energetische Massnahmen, wurden 2015 die restlichen Fassaden gedämmt. Das Dach und die Fassaden wurden mit Photovoltaik-Elementen ausgerüstet und können fortan zur Stromgewinnung genutzt werden.


„so viel wie nötig, so wenig wie möglich“

Der Leitspruch „so viel wie nötig, so wenig wie möglich“ spiegelt sich auf dem ganzen Areal wider. Durch das Rezyklieren und Umnutzen der Gebäude und Baumaterialien wurde deren Nutzungszeit und Lebensdauer um ein vielfaches erhöht. Das senkt die Ökobilanz, da die Umweltbelastung und der Energieverbrauch für die Herstellung neuer und die Entsorgung alter Produkte entfallen.


Eine weitere nennenswerte Umnutzung und Wiederverwendung auf dem Gundeldinger Feld ist die Begrünung. Durch einen Aufruf in der Quartierszeitung fanden verschiedenste Pflanzen aus den benachbarten Haushalten ein neues Zuhause. In alte Werkzeugkisten gepflanzt, zieren sie die Höfe und Aussenräume. Alte Weinfässer fangen das Regenwasser auf, das für die Bewässerung genutzt wird. Zusammen mit den Dach- und Fassadenbegrünungen tragen sie zu einem besseren Mikroklima auf dem Gelände bei.

Kein Neubau hätte die gleiche Wirkung erzielen können. Der Charme des ehemaligen Industriegeländes, die gelungene Gestaltung der Innenhöfe und der bunte Mietermix sorgen für eine einmalige Atmosphäre auf dem Gelände.



DAS GUNDELDINGER FELD HEUTE



Seit fast 20 Jahren wird auf dem Areal gearbeitet, gespielt, geklettert, gegessen, getrunken und und und. Tagsüber arbeiten etwa 200 Menschen in den Büros und Werkstätten, nachmittags kommen Besucher für die Freizeitbeschäftigungen hinzu. Die verschiedenen Restaurants, Bars und kulturellen Einrichtungen ziehen Anwohner aus dem Quartier und der ganzen Stadt an.

Das Pionierprojekt der Kantensprung AG arbeitet nicht für Profit und so werden allfällige Gewinne wieder ins Projekt investiert. Das Gundeldinger Feld wurde ohne Subventionen aufgebaut und ist finanziell selbsttragend, somit sichert es seine Unabhängigkeit. Ziele, wie privaten Raum öffentlich nutzbar machen und halten oder Boden den Spekulationen zu entziehen, können so einfacher verfolgt werden. Es darf sich verändern, es soll in Bewegung bleiben und sich an die Stadtentwicklung anpassen können, das liegt den Verantwortlichen bis heute am Herzen. Und mit der 2016 gegründeten Kantensprung Stiftung unterstützen sie jetzt andere Umnutzungsprojekte und -initiativen, auch international.


Bilder via kantensprung ag oder von mir.

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